70 Jahre Niedersachsen, 70 Jahre Migration – Forum anlässlich Landesjubiläum

Anlässlich des Gründungstages des Landes Niedersachsen vor 70 Jahren beleuchteten Expert(inn)en aus Wissenschaft und Politik seine wechselhafte Migrationsgeschichte.

Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung, eröffnete den Abend mit einem kurzen Vortrag.
Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung, eröffnete den Abend mit einem kurzen Vortrag.

Das Herrenhäuser Forum, das am 1. November 2016 im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen stattfand, trug den Titel "Migrationsbewegungen nach Niedersachsen von 1946-2016" – eingeladen dazu hatten die VolkswagenStiftung, die Niedersächsische Staatskanzlei und der Niedersächsische Landtag. Neben Bernd Busemann, Präsident des Niedersächsischen Landtags, Stephan Weil, Niedersächsischer Ministerpräsident, sowie Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung, diskutierten fünf Wissenschaftler(innen) aus Geschichte, Sozialwissenschaft und Migrationsforschung über Migrationsbewegungen seit 1946, die postmigrantische Gesellschaft und Zukunftsperspektiven für das Bundesland.

In seiner Begrüßung berichtete Krull, dass der Zuzug von Geflüchteten, der vor 70 Jahren sprunghaft zunahm, ein Thema sei, das die Menschen in Niedersachen bereits Jahrzehnte lang bewege: Wo kurz nach Kriegsende vor allem "Heimatvertriebene" aus Ostpreußen und ehemalige Bewohner der sowjetischen Besatzungszone in großer Anzahl gen Westen aufbrachen, sind es heute vor allem Asylbewerber aus Syrien, dem arabischen Raum und Afrika, die neu in unser Bundesland kommen. Migrationsbewegungen sind jedoch kein Phänomen der Neuzeit – auch im Mittelalter zogen die Menschen aus unterschiedlichen Gründen durch die Länder. Allerdings seien die Möglichkeiten, die finanziellen Mittel und die infrastrukturellen Voraussetzungen, um mit dem Zuzug von Geflüchteten zurecht zu kommen, heute weitaus besser als in früheren Jahrzehnten, erklärte Krull.

Über die "Zukunftsperspektiven für Niedersachsen" diskutierte im ersten Podiumsgespräch unter anderem Stephan Weil, Niedersächsischer Ministerpräsident (2. v. r.).
Über die "Zukunftsperspektiven für Niedersachsen" diskutierte im ersten Podiumsgespräch unter anderem Stephan Weil, Niedersächsischer Ministerpräsident (2. v. r.).

In den folgenden Podiumsgesprächen wurde immer wieder die Brücke von den Nachkriegsverhältnissen zu den heutigen geschlagen. Beispielweise thematisierte Ministerpräsident Stephan Weil die Folgen des Zusammenwachsens der Länder Braunschweig, Freistaat Oldenburg und Schaumburg-Lippe mit dem zuvor gebildeten Land Hannover zum Land Niedersachsen: "Ich empfinde es als ganz großen Vorteil unseres Landes, dass wir enorm vielfältig sind. Wir sind vielleicht das vielfältigste aller Bundesländer." Doch bei aller Vielfalt ist auch der Zusammenhalt der Menschen im Bundesland Niedersachsen, auch in Krisenzeiten, ein besonderes Merkmal, so Landtagspräsident Bernd Busemann: "Es gibt eine gemeinsame Identität und ich glaube, wir sind gut beraten, uns insgesamt als Land Niedersachsen zu empfinden aber die darunter liegenden Identitäten mit zum Teil sehr langer Geschichte, gut zu bewahren."

Neben den Podiumsgesprächen der Politiker und Wissenschaftler(inne)n gab es auch impulsgebende Vorträge mit weiteren Fakten über die Migrationsbewegungen seit 1946. So berichtete etwa Prof. Dr. Naika Foroutan, stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin, von empirischen Untersuchungen, die von ihrem Institut durchgeführt wurden, und präsentierte interessante Zahlen: So seien nur rund fünf Prozent der Migrant(inn)en in Deutschland innerhalb der ostdeutschen Bundesländer zu finden, wogegen 95 Prozent in Westdeutschland lebten. Trotzdem sei besonders in Ostdeutschland die Angst vor Überfremdung besonders groß. Fakt sei auch, dass 45 Prozent aller Migrant(inn)en aus Ländern der EU zugewandert sind.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Empfang im Foyer des Auditoriums von Schloss Herrenhausen, den die rund 270 Gäste gern zum Austausch nutzten. Auch hier waren Migration und die Herausforderungen, die sich dem Land stellen, vielfach Gesprächsthema.

Tina Walsweer