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Schulversagen durch exzessiven Medienkonsum?

09. Dezember 2004

VolkswagenStiftung fördert mit rund 700.000 Euro interdisziplinäresVorhaben unter Federführung von Professor Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen

In welchem Zusammenhang stehen ein erhöhter Medienkonsum und in den vergangenen Jahren verstärkt zu beobachtende Leistungsdefizite von Schülern, insbesondere von Jungen? Welche negativen Auswirkungen auf das Lernvermögen und die Entwicklung ihrer Intelligenz, auf ihr Kontakt-und Sozialverhalten lassen sich feststellen? Diesen Fragen widmet sich jetzt ein interdisziplinär zusammengesetztes Forscherteam in dem von der VolkswagenStiftung mit

691.400 Euro geförderten Vorhaben „Medienverwahrlosung als Ursache von Schulversagen?“. Federführend ist Professor Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen in Hannover, beteiligt sind zudem Professorin Dr. Beate Schneider vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover, Professor Dr. Hans-Jochen Heinze von der Klinik für Neurologie II der Universität Magdeburg, Professor Dr. Dr. Gerhard Roth, Rektor des Hanse- Wissenschaftskollegs in Delmenhorst und Professorin Dr. Elsbeth Stern, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Schulleistungen besonders von Jungen in Deutschland seit den 1990er Jahren stark nachgelassen haben. Als zentraler Einflussfaktor kommt hier der Medienkonsum in Betracht, der bei einem großen Teil der Jungen mehr als vier Stunden pro Tag umfasst. Dabei werden vor allem Filme und Computerspiele mit emotional belastenden Gewaltszenen konsumiert. Ziel der Wissenschaftler ist es daher erstmals systematisch zu klären, ob die vermuteten Zusammenhänge zwischen Medienkonsum und Lernleistungen von Schülern tatsächlich bestehen.

Dabei gehen sie zum Beispiel der Frage nach, ob das Erleben extremer Gewaltdarstellungen in den Medien die langfristige Speicherung und Verarbeitung aufgenommener Lerninhalte behindert – was das Abfallen der schulischen Leistungen erklären könnte. Oder sinken die Schulleistungen, weil durch eine lange Mediennutzung im Tagesverlauf lediglich die für Lernen und Hausarbeiten erforderliche Zeit fehlt? Werden Entwicklung und Ausbau von Intelligenz möglicherweise behindert durch die stimulusarme Beschäftigung mit den Medien? Oder führt eine hohe Mediennutzung im Tagesverlauf zu einer Veränderung der sozialen Kontakte bei Kindern und Jugendlichen und damit in der Folge zu einer schwachen sozialen Vernetzung, zu fehlender sozialer Kompetenz und auffälligem, vielleicht sogar delinquentem Sozialverhalten – was auch wieder negativen Einfluss auf die schulischen Leistungen haben kann?

Um vermuteten Zusammenhängen zwischen dem Konsum gewalthaltiger Medienangebote und Lernleistungen auf die Spur zu kommen, starten die Forscher zum einen experimentelle neurobiologische und gedächtnispsychologische Studien. Die neurobiologischen Studien zielen auf die Entwicklung eines Modells, das den Einfluss alltäglicher Ereignisse und von Gewaltfilmen auf Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis beim Menschen klären helfen soll. Es geht darum, Zusammenhänge aufzuspüren zwischen Emotionen und Aufmerksamkeit sowie zwischen Emotionen und langfristiger Speicherung von gelernten Inhalten und deren Beeinflussung durch den Konsum von Gewaltfilmen im Unterschied etwa zu Dokumentarfilmen. Über die gedächtnispsychologischen Untersuchungen wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob bei der Nutzung gewalthaltiger Computerspiele ähnliche Effekte zu beobachten sind wie bei der Betrachtung gewalthaltiger Filme. Und sie fragen darüber hinaus, wie sich im Vergleich völlig andere Freizeitaktivitäten wie Gesellschaftsspiele oder Sport auf die Gedächtnis-und Schulleistungen auswirken.

Zum anderen sollen für Kinder, Jugendliche, Eltern und Schulen medienpädagogische Unterrichts-und Beratungsangebote entwickelt und die langfristigen Effekte einer Reduktion des Medienkonsums bei Kindern und Jugendlichen verschiedener Altersstufen systematisch untersucht werden. Hier geht es konkret um die Fragen: Wie lässt sich eine Reduktion der Fernsehnutzungs-und Computerspieldauer erreichen? – Und vor allem: Wie wirkt sich eine Reduktion der Fernsehnutzungs-und Computerspieldauer dann aus? Dazu vermitteln die Forscher Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 3, 6 und 8 verschiedener Schulformen in Niedersachsen, Berlin und Sachsen-Anhalt

über mindestens ein Schulhalbjahr hinweg Erkenntnisse zu den beobachteten Auswirkungen von Medienkonsum auf die Schulleistungen. Dabei werden die Kinder und Jugendlichen aufgefordert, freiwillig ihre Nutzung von Fernsehen und Computerspielen einzuschränken. In regelmäßigen Zeitabständen sollen dann Effekte dieser Reduktion auf Schulleistung, Sozialverhalten und Freizeitgestaltung gemessen werden. Einbezogen in die Untersuchung sind in Niedersachsen 2000 Schüler, in Berlin und Sachsen-Anhalt jeweils 400. Als Kontrollgruppe dienen Schüler vergleichbarer Klassen.

Eine – nicht von der Stiftung geförderte – bildungspsychologische Untersuchung der Forscher soll ergänzend den Einfluss der Mediennutzung auf die Entwicklung von Intelligenz und Schulleistungen bei Grundschulkindern klären helfen. Hier geht es darum herauszufinden, wie bei vergleichbarer Ausgangslage der Intelligenz im Alter von vier Jahren sich die weitere geistige Entwicklung in Abhängigkeit von Medienkonsum und anderen Aktivitäten vollzieht.

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